"Vogelschlag" durch Glasflächen

Immer wieder prallen Wildvögel gegen große transparente Glas- oder Kunststoffflächen und ziehen sich dabei Gehirnerschütterungen, Schädel- und Knochenbrüche, Quetschungen des Gehirns oder Rückenmarks oder innere Blutungen zu, die meist sofort, manchmal erst nach vielen Stunden zum Tode führen. Obwohl dieses Problem schon seit langem bekannt ist und eine praktikable Lösung mittlerweile gefunden wurde, zeigen sich Behörden, Architekten, Hausherren etc. noch häufig hilflos oder gar desinteressiert gegenüber dem " Vogelschlag".

Typische Vogelfallen sind z. B. Spiegelfassaden von Hochhäusern, transparente Trennwände und Lärmschutzwände und große Schaufenster, Glaswände und Schiebetüren von z. B. Geschäften oder Wintergärten. Seit geraumer Zeit werden tote Vögel auch an den Glaswänden der neuen Haltestellenhäuschen der "Deutschen Städtereklame GmbH" (DSR, Eschenheimer Anlage 33–34, 6000 Frankfurt) gefunden; im Bemühen um ein neues, modernes Styling war der Naturschutz wieder einmal vergessen worden, und auch die Behörden hatten nichts unternommen.

Der Grund für den Vogelschlag ist das Unvermögen der Vögel, eine transparente Scheibe als Hindernis zu erkennen: Saubere klare Glaswände geben ungehindert den Blick auf die Landschaft hinter ihnen frei, und getönte Scheiben spiegeln die Landschaft vor ihnen, die aus der Sicht des anfliegenden Vogels jedoch hinter ihr zu liegen scheint. Der gleichen Gefahr sind bekanntlich im Zimmer frei fliegende Ziervögel durch Fenster und Spiegel ausgesetzt, und mancher Kunde moderner Kaufhäuser ist schon gegen durchsichtige Schiebetüren oder Spiegelwände gelaufen.

Die "klassische" Maßnahme gegen Vogelschlag an Glasflächen ist das Aufkleben oder Aufsprühen von Gereifvogelsilhouetten. Diese würden jedoch dauerhaft nur abschrecken, wenn sie ständig in ganz bestimmter Weise bewegt würden. (Bekannt ist z. B., daß Greifvogelattrappen, die in Richtung ihres Schwanzes über Hühnervögel hinweggezogen werden, eher an Kranich- oder Entervögel erinnern und deshalb keine Flucht auslösen.) Der Erfolg der Attrappen beruht lediglich darauf, daß sie Scheiben als Hindernisse teilweise sichtbar machen. Das ist jedoch mit anderen Markierungen (Symbolen, Mustern) auch und sogar besser möglich – am besten mit einem engen Karo- oder Streifenmuster.

Die Landesanstalt für Ökologie, Landschaftsentwicklung und Forstplanung in Recklinghausen hat in Heft 1/86 ihrer LÖLF-Mitteilungen eine Untersuchung zu Lärmschutzwänden an Autobahnen veröffentlicht, die vom 1.12.1983 bis zum 30.11.1984 in Siegen mit verschiedenen Mustern durchgeführt worden war.
Dabei machten zwei Muster die Glasflächen am besten als durchgehende Flächen sichtbar und verhinderten so den Vogelschlag: ein Karomuster aus 1 cm breiten waagerechten und senkrechten Streifen mit 6 cm Zwischenraum und ein waagerechtes Streifenmuster aus 2 cm breiten Streifen mit 4 cm Zwischenraum (Farbe: dunkelbraun).

Da das Karomuster offenbar eine besonders starke Bewegungswahrnehmung verursacht, die sich negativ auf das Wohlbefinden und damit die Fahrsicherheit auswirkt, bleibt für Lärmschutzwände nur die waagerechte Streifung. Für andere Glasflächen kommen beide Muster in Frage, hier entscheidet der Geschmack. Naturschützer sollten sich unter Hinweis auf diese Untersuchungsergebnisse für die Entschärfung großer Glasflächen einsetzen. Daß man auch im privaten Bereich gefährliche Glasflächen vermeidet, ist für einen Vogelfreund selbstverständlich.

Amsel
Amsel (Turdus merula): Glastod am Wartehäuschen · Solingen-Gräfrath, 02.04.2017

Mittlerweile gibt es weitere Lösungen des Problems, und die nutzen die Fähigkeit der Vögel (nicht des Menschen), UV-Licht wahrzunehmen: Auf Basis der Beobachtung, daß Vögel üblicherweise nicht durch Spinnennetze fliegen, entwickelten in den 1990er Jahren Techniker der Glaswerke Arnold in Remshalden UV-beschichtete (also weiterhin durchsichtige) Glasscheiben, die in der Vogelwarte Radolfzell am Bodensee getestet wurden und dort von deutlich mehr Vögeln als Hindernis erkannt wurden als unbeschichtete. Die von Arnold Glas angebotenen UV-markierten "Ornilux Mikado"-Scheiben schrecken in Tests über 70% aller Vögel ab, andere Hersteller haben Konkurrenzprodzukte entwickelt.
    Während in den USA vielerorts markierte Glasscheiben vorgeschrieben sind und Scheiben mit mehr als 70% Schutzwirkung das Prädikat "Vogelschutzglas" erhalten, gibt es in Deutschland kein Gesetz, keine Richtlinie, die wirksamen Vogelschutz an Glasflächen vorschreibt, und auch keine klare Definition, ab welchem Wirkungsgrad ein Glas als "Vogelschutzglas" in den Handel kommen darf. Mancher Vogelfreund behilft sich derweil mit durchsichtigen Vogelsilhouetten-Aufklebern ("Birdsticker") oder verwendet einen speziellen Stift ("Birdpen"), mit dem man Muster auf eine Scheibe malen kann. Schade ist, daß die ultravioletten Markierungen offenbar nicht hundertprozentig wirken ...

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