Hummel als Neozoen
Seit der Entdeckung Amrerikas durch die europäischen Kolonialmächte wurden viele Tier- und Pflanzenarten in die (ehemligen) Kolonien verschleppt – auch Insekten. Das bekannteste ist die Honigbiene, die es zuvor z. B. in Amerika gar nicht gab. Auch Hummeln, Bienenarten der nördlichen Hemisphäre, wurden wegen ihres Nutzens für die Landwirtschaft in ferne und südliche Länder gebracht: Um das Jahr 1895 herum wurden einige Hummelarten aus Kent im Südosten England auf der Südinsel Neuseelands ausgesetzt. Vier vermehrten sich und überlebten bis heute:
- Bombus terrestris – deutsch: "Dunkle Erdhummel", englisch: "buff-tailed bumblebee"
- Bombus hortorum – deutsch: "Gartenhummel", englisch: "garden bumblebee"
- Bombus ruderatus – deutsch: "Feldhummel", englisch: "ruderal bumblebee"
- Bombus subterraneus – deutsch: "Erdbau- bzw. Unterirdische Hummel", englisch: "short-haired bumblebee"
Die ersten beiden sind Allerweltsarten und in Großbritannien wie im deutschsprachigen Raum weit verbreitet, was auch für die neuseeländische Südinsel gilt; die letzten beiden Arten sind in Europa wie in Neuseeland selten, die Erdbauhummel ist jenseits des Ärmelkanals gar ausgestorben. Die Gründe für den Erfolg europäischer Hummeln in Neuseeland sind bekannt:
- Neuseeland liegt so weit südlich, daß das Klima ein europäisches ist. Kein Wunder, daß sich die britischen Siedler dort mehr "zu Hause" fühlen als im heißen Australien.
- Flora und Fauna sind heute europäisch geprägt. Ursprünglich beherbergten die Nord- und Südinsel endemische Tier- und Pflanzenarten, die etwa für Hummeln keine ökologischen Nischen vorsahen: Neuseeland war der Vogelkosmos schlechthin, es wurde von Vögeln "beherrscht", vor allem von Laufvögeln aller Größen, die selbst jene ökologischen Nischen füllten, die auf der Nordhalbkugel Säugetiere einnehmen; bis auf zwei Kiwi-Arten wurden sie von den Maoris ausgerottet. Da das Spektrum der eingeführten Arten geringer ist als in Europa, ist ihre Konkurrenzsituation günstiger als dort; vier Hummeln z. B. haben es leichter als, sagen wir, 12, die sich einen Lebensraum teilen ...
- Die neuseeländische Flora wurde noch dramatischer verändert. Die meisten einheimischen Blütenpflanzen z. B. besitzen kleine weiße Blüten, die für Hummeln uninteressant sind; die eingeführten europäischen Pflanzen jedoch sind auf Hummeln angewiesen. In Neuseeland sammeln Hummeln ihren Pollen vor allem an Rotklee-Wiesen (Trifolium pratense), während ihre bevorzugte Nektarquelle der Natterkopf (Echium vulgare, engl. "Viper's Bugloss" oder "Blueweed") ist. Weitere beliebte Neophyten sind Hornklee (Lotus corniculatus, engl. "Bird's-foot Trefoil"), Lupinen (Lupinus spec.) und Disteln. Alle genannten Pflanzen prägten das Landschaftsbild des 20. Jahrhunderts in Neuseeland.
Mittlerweile beginnt sich die Situation zu ändern: Die Rotklee-Weiden, früher in der Fruchtwechselwirtschaft zur Bodenverbesserung verwendet, werden immer seltener im Kiwi-Land, und es gibt sogar Überlegungen, den sich auf Weideland aggressiv ausbreitenden Natterkopf biologisch zu bekämpfen oder gar auszurotten. Speziell für Bombus subterraneus, deren Verbreitungsgebiet in den letzten Jahrzehnten bereits abgenommen hat, könnte das auch in Neuseeland das Aus bedeuten.
Britische Hummelschützer hat dies auf die Idee gebracht, B. subterraneus von Neuseeland wieder heim ins Königreich zu holen, wo diese Art 1988 bei Dungeness in Kent zuletzt gesehen wurde – also in der Gegend, von der aus sie vor ca. einem Jahrhundert ans andere Ende der Welt verschifft wurde. Das wäre dann nicht einmal eine Faunenverfälschung ...