6. Pro & Kontra Winterfütterung

Kontra Pro
Oft wird nur aus Gefühlsduselei, schlechtem Gewissen, Tradition, Neugier oder aus einem Nachahmungsbedürfnis heraus gefüttert. »» »» Das stimmt zwar, entscheidend ist jedoch nicht das persönliche Motiv, sondern die Wirkung der Fütterung auf die Natur. Nützt oder schadet sie?
Durch die Winterfütterung überleben viel mehr Vögel, als unsere Restnatur noch selber ernähren könnte. Winterfütterung dient also nicht einem umfassenden Naturschutz, sondern nur dem Schutz einzelner Arten. Wenn allerdings die Entwicklung so weitergeht, sind unsere Vögel selbst durch Fütterung nicht mehr zu retten. »» »» Beides stimmt offensichtlich. Eine stärkere Schonung schon der verbleibenden naturbelassenen Flächen hätte aber ein größeres Nahrungspotential zur Folge, und großflächige Renaturierungen zerstörter Flächen könnten die Nahrungsgrundlage langfristig wieder verbessern. Winterfütterung wäre also eine nur vorübergehende Maßnahme, um erblich (genetisch) ausreichende Populationsstärken bestimmter vom Aussterben bedrohter Arten für eine Übergangszeit zu sichern.
Die Idee, ökologisch "schlechte Zeiten" durch Artenschutzmaßnahmen zu überbrücken, steckt auch hinter den Projekten zur Erhaltungszucht in vielen Zoos. Tierarten lassen sich aber dauerhaft nur erhalten, wenn ihnen in absehbarer Zeit wieder intakte Habitate zur Verfügung stehen. Zur Zeit sieht es aber gar nicht danach aus, daß wir Menschen unsere kurzsichtigen egoistischen Ansprüche an die Natur zurückschrauben, um das Überleben aller Mitgeschöpfe zu sichern! »» »» Wenn der Naturschutz nicht richtig vorankommt oder sich die Ökobilanz gar noch verschlechtert, so sollte das Grund genug für jeden Naturfreund sein, sich für den Erhalt der Natur zu engagieren. Es sollte aber kein Grund sein, jetzt pessimistisch den Artenschutz zu vernachlässigen:
Zu kleine Populationen könnten unter ungünstigen Bedingungen zuammenbrechen, so daß die ganze Art für immer aussterben würde und sich später, wenn vielleicht doch wieder günstigere Bedingungen herrschen, nicht mehr vermehren könnte.
Gerade kleine Populationen einer Art – aber prinzipiell auch größere – könnten aufgrund der künstlichen weil menschlichen Auslese (anthropogenen Selektion) auch eine neue, quasi "domestizierte" (Haustier-)Rasse ihrer Art begründen, die dann ohne den Menschen nicht mehr lebensfähig wäre. Dieses Phänomen ist von vielen Haustieren bekannt. Man konnte z. B. feststellen, daß bei Hausenten die (schon angesprochene) herbstliche Gewichtszunahme erheblich geringer ausfällt als bei wilden Stockenten [7]; diese behalten bei der Fütterung im Winter ihr Übergewicht in der Voliere zwar zunächst bei, da sie ihre Fettreserven ja nun nicht mehr anzugreifen brauchen; nach einigen Generationen aber haben sie sich auf die Winterfütterung genetisch eingestellt und sind nun auf diese angewiesen. »» »» Eine intensive und größräumige Winterfütterung könnte vermutlich wirklich dazu führen, daß die herbstliche Fettdepotbildung unterbleibt. Es ist sogar denkbar, daß die sexuelle Aktivitätsphase sich wie bei Haustieren ausdehnt, so daß die Vögel vielleicht zu früh im Jahr oder zu spät brüten.
    Allerdings sind die Einflüsse der Winterfütterung auf die Gewichts- und Fortpflanzungsperiodik sowie das angeborene Verhalten bei Singvögeln noch nicht genau untersucht worden – was wiederum nicht bedeutet, daß man erst den Beweis solcher Einflüsse abwarten müßte. Andererseits könnte man auch diskutieren, ob eine neue, nicht mehr an die natürliche Umwelt, sondern die menschliche Zivilisation angepaßte Unterart denn eine solche Katastrophe wäre ...
Die Winterfütterung begünstigt einseitig die häufigen "Allerwelts"-Arten (Spatz und Grünfink, Kohl- und Blaumeise, Amsel); seltenen und gefährdeten Arten wird nicht geholfen, manche lassen sich überhaupt nicht füttern. »» »» Seltene Arten werden aber auch seltener wahrgenommen: Entweder sie kommen heimlich oder nur in geringer Kopfzahl, oder sie kommen am Ort der Fütterung (besonders in der Stadt) gar nicht vor. Andererseits hat man auch bei den noch relativ häufigen Arten schon Bestandsrückgänge festgestellt, die noch genauer analysiert werden müßten: Handelt es sich "nur" um eine kurzfristige und begrenzte Anpassung an die verschlechterten Umweltbedingungen oder – wie man aus Erfahrungen mit anderen Arten befürchten muß – um anhaltende und umfängliche Bestandseinbrüche [25]?
Die einseitige Hilfe für die Standvögel (s. o.) bedeutet eine unnatürliche Konkurrenz für die Zugvögel; diese finden ihre Nahrungs- und Brutreviere im Frühjahr schon besetzt vor, es mangelt ihnen also an Futter und Brutplätzen. »» »» Dieser Gefahr begegnet die Natur durch das Prinzip der "Ökologischen Nischen", die sich nicht oder nur wenig überschneiden. Während Meisen z. B. ihre Insektennahrung auf Boden und Bäumen im Waldinneren finden, suchen Grasmücken die gleiche Nahrung in Hecken und Gebüsch an Waldrändern [13]. Es soll nicht verschwiegen werden, daß z. B. Feldsperlinge oder Kohlmeisen eindringende Halsband- und Trauerschnäpper in ihren Nisthöhlen töten [9]. Einerseits könnte man dem aber durch eine größere Anzahl von Nisthöhlen abhelfen, andererseits machen die genannten Arten wie auch der wehrhafte Kleiber auch schon bezogene Nisthöhlen ihren Besitzern streitig.
An viel besuchten Futterplätzen kommt es allzu oft zur Ausbreitung von Krankheiten, an denen die Vögel in kurzer Zeit massenhaft zugrunde gehen. »» »» Das ist leider wahr, an Futterplätzen kommt es meist zu größeren Vogelkonzentrationen als in der Natur, so daß Salmonellenerkrankungen sich seuchenartig ausbreiten können. Diese können aber vermieden werden, wenn der Vogelfreund viele kleine Futterquellen einrichtet und peinlich sauber hält. Mit Kot dürfen die Tiere nämlich nicht in Berührung kommen.
Winterfutter vertragen nur die Altvögel. Werden Jungvögel im Frühjahr damit versorgt, gehen sie aus Mangel an leicht verdaulichem, tierischem Eiweiß zugrunde. »» »» Tatsächlich halten sich z. B. Meisen aufgrund einer angeborenen "Arbeitsökonomie" (sozusagen Bequemlichkeit) gerne zur Versorgung ihrer umfangreichen Bruten an Körnerfutter, das im Frühjahr in der Natur aber nicht vorkommt.
    Dieses Problem entsteht aber gar nicht erst, wenn man die Fütterung rechtzeitig, d. h. vor der Brutsaison im April, eingestellt hat.
Noch einmal: Solch komplizierte Argumente überfordern doch viele Menschen, gefüttert wird doch zunächst einmal aus einem Mitleidsgefühl heraus und dann auch, weil man sich einmal ein Naturerlebnis bei sich zu Hause verschaffen möchte, weil man hier konkret sieht, was mit dem Geld geschieht, weil die Vögel so schön anhänglich werden oder nur aus einer spontanen Laune heraus ... »» »» Gerade deshalb sollte sich der Vogelfreund kritisch mit diesem Problem auseinander setzen und sorgfältig das Für und Wider abwägen; falls er sich dann für die Winterfütterung entscheidet, wird er diese auch richtig betreiben.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die folgende Literaturliste.


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