Naturfotografie: Definitionen

1. Naturfotografie: Was ist das?

Unter Naturfotografie versteht naturgemäß jeder etwas anderes: Der eine meint damit Aufnahmen ihn beeindruckender Landschaften; ein anderer versteht darunter die exakte fotografische Dokumentation unserer Landschafttypen und ihrer Flora und Fauna; für die einen fängt sie schon mit Fotos aus dem Stadtwald und gar dem eigenen Garten an, während sich nach dem Verständnis anderer nur dort Naturfotografie betreiben läßt, wo die Natur noch Natur ist: in Naturschutzgebieten, Nationalparks etc.
    Um solche Definitionen sollte man sich nicht streiten – die Naturfotografie gibt es eben nicht. Sagen wir einfach: Naturfotografie ist die Fotografie dessen, was uns in unserer zivilisierten, künstlichen Welt von der Natur noch geblieben ist – egal, wie man sie definiert.

Wie aber fotografiert unsere Natur am besten? Was muß man dafür wissen, können, beachten, haben? Also: Wie wird man ein guter Naturfotograf?

Einer der bekanntesten Naturfotografen, Fritz Pölking, schrieb vor Jahren einmal:

Nicht eben wenig, was dieser Profi da von einem Laien oder angehenden Profi der Naturfotografie verlangt! Eines aber macht die Sechs-Punkte-Liste deutlich: Es kommt nicht in erster Linie auf die technische Ausrüstung an – die erwähnt Pölking hier nicht einmal – und auch nicht nur auf den handwerklich perfekten Umgang mit eben dieser Ausrüstung. Ausschlaggebend für den Unterschied zwischen durchschnittlichen und guten Naturfotos sind letztlich bestimmte Anlagen oder Talente, nämlich die Einstellungen solcher Berufsgruppen zur Natur, die sich (unter anderem) mit Natur befassen.
    Aus diesen Anlagen erwachsen zwei entscheidende Fähigkeit des guten Naturfotografen: sein Vermögen, die Natur wirklich sehen zu können, und sein Wissen um die Natur.

2. Was man sehen können muß

"Sehen" können, das klingt so banal. Viele Menschen sehen schon, wenn sie denn einen solchen haben, im eigenen Garten nicht viel – und bei einigen von ihnen gibt es auch nicht viel zu sehen, weil sie die Anzahl der Pflanzearten und damit indirekt auch der Tierarten auf exakt das Maß gestutzt haben, das ihrer Kenntnis der Natur entspricht. Meist gibt es aber sehr viel mehr zu sehen, als der Gartenbesitzer glaubt: die Wildpflanzen etwa, die sich plötzlich an irgendeiner Stelle ansiedeln und wunderschöne, zunächst ganz unbekannte Blüten schieben; schon im zeitigen Frühjahr die vielen unterschiedlichen Bienenarten, die zwar von weitem der Honigbiene ähneln, bei genauem Hinsehen aber ihre eigene Art offenbaren, und ihre Brutgänge in altem Holz, in Mauern oder im Boden am Wegesrand; die Vögel, die aus dem Winterquartier zurückkehren und im Garten – hoffentlich – eine Nistmöglichkeit finden; die Asseln, Hundert- und Tausendfüßer im Laub, das hoffentlich nicht in den Müll verfrachtet wurde; die Heuschrecken, die sich im Sommer plötzlich bemerkbar machen; die Spinnen, die im Netz oder springend Beute machen; die Liste ließe sich fortsetzen. Wer das nicht zu sehen vermag, der wird auch kein guter Naturfotograf.

3. Was man wissen muß

"Wissen" ist bekanntlich Macht, und hier macht sie das Gesehene erst verständlich und Naturfotografie erst möglich. Nehmen wir ein Beispiel: die erwähnten Heuschrecken. Plötzlich sind sie im Sommer da, sofern der Garten noch halbwegs naturnah ist und der Rasen nicht ständig gemäht wird. Sie werden wohl irgendwie aus der "Natur" eingewandert sein, denkt sich mancher, so unattraktiv scheint also der eigene Garten nicht zu sein. Tatsächlich können diese Musikanten schon viel früher da gewesen sein, sogar schon im Mai. Nur zu sehen waren sie nicht. Wirklich nicht?
    Biologisches Wissen über diese Insekten hilft hier weiter: Anders als die meisten anderen Insekten, die als voll ausgewachsene und oft flugfähige Vollinsekten, sog. Imagines , aus einer Puppe schlüpfen, machen Schrecken eine unvollständige Metamorphose durch: Ihre Larven sehen den späteren Vollinsekten bis auf die noch fehlenden Flügel sehr ähnlich, sie sind nur zunächst winzig klein und in einer Wiese nur mit scharfen Blick oder einer Lupe zu entdecken – wenn man denn überhaupt weiß, daß es sie dort geben kann.
    Viele weitere Beispiel könnte man anführen: Die vielen Bienen, die gar nicht in einem großen Schwarm bzw. in einem Bienenstock leben, sondern einzeln ihre Brut versorgen, die vielen Vogelarten, die nicht in Höhlen, also auch nicht in den aufgehängten Nistkästen brüten, die große Fluchtdistanz anderer Vögel, die Nachtaktivität vieler Säuger etc.
    Anders ausgedrückt: Nur wer die verschiedenen Lebensräume (Biotope) seiner Heimat und die jeweiligen Wohnräume (Habitate) der Pflanzen bzw. Tierwelt in etwa kennt, wer ihre jeweiligen Nahrungsquellen und -gewohnheiten, ihre Fortpflanzungsbiologie und Jahresperiodik, ihr Sozial- und Aggressionsverhalten und ihre Fluchtdistanz kennt, der kann den fotografischen Erfolg planen, und der findet mehr Erfolgs-Körner als das sprichwörtliche blinde Huhn.


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