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Neuroptera > Myrmeleontidae / Netzflügler > Ameisenjungfern
Familie: Myrmeleontidae Latreille 1802 – "Ameisenjungfern" & "Ameisenlöwen" · · · · ⧉
Zum Familiennamen:
Die auf den ersten Blick verwirrende wissenschaftliche Bezeichnung Myrmeleontidae wurde von der Typusgattung Myrmeleon (Ameisenjungfer) abgeleitet, einem Kompositum aus den altgriechischen Wörtern μυρμηξ / mýrmēx ('Ameise') und λεων / léōn ('Löwe'). Als "Ameisenlöwe" wird im Deutschen in der Regel nur die in einem Fangtrichter jagende Larve einer Ameisenjungfer bezeichnet; das englische antlion hingegen bezeichnet das Insekt schlechthin, also auch die an eine Kleinlibelle erinnernde geflügelte Imago. Das gilt auch für die Bezeichnungen dieser Art in weiteren Nachbarsprachen: Das französische fourmilion enthält fourmi ('Ameise') und lion ('Löwe') und geht wie das italienische formicaleone auf das lateinische formicoleon, die latinisierte Form des griechischen myrmêkoléôn zurück. Das Spanische bildet kein Kompositum, es bezeichnet den 1767 von Linné beschriebenen Myrmeleon formicarius als hormiga leön común, als 'Gewöhnlichen Ameisenlöwen'. Im Niederländischen wird er zwartkopmierenleeuw ('Schwarzkopf-Ameisenlöwe') genannt; mier ist dort die Ameise' und leeuw der 'Löwe'. Übrigens sehen sich das niederländische mier und das griechische mýrmēx nicht zufällig ähnlich: Beide lassen sich auf denselben indoeuropäischen Wortstamm zurückführen.
Zur Klassifikation:
Die oben aufgeführten Unterfamilien sind unter Taxonomen bzw. Klassifikatoren keineswegs Konsens. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wurden immer wieder neue Klassifikationen aufgestellt mit unterschiedlichen (und unterschiedlich vielen) Unterfamilien und diesen zugeordneten Triben, deren Bezeichnungen in der Zoologie bekanntlich auf -ini enden (Beispiel: Myrmeleontini). In einem Fall wurden sogar die Unterfamilien Palparinae und Stilbopteryginae in den Gattungstrang erhoben und mit der Endung -idae neben die Myrmeleontidae gestellt. Solche unnützen Spielereien sind einer von vielen Belegen dafür, daß Klassifikationen keine biologischen Realitäten widerspiegeln, sondern nur Meinungen, Spekulationen über die Evolution der Netzflügler.
Zu Artenzahl & Habitus:
Weltweit werden in den Myrmeleontidae an die 2.000 "Ameisenlöwen"-Arten zusammengefaßt, 44 davon in Europa (in 22 Gattungen) und elf Arten in Mitteleuropa. Charakteristisch ist der filigrane, Libellen-artige Körperbau der Imagines: kleiner Kopf mit nach unten gerichteten Mundwerkzeugen und kurzen, an den Enden abgewinkelten und verdickten Fühlern, langer dünner Hinterleib, vier meist lange schmale und bei vielen Arten transparente Flügel. Die Vorderflügel erreichen je nach Spezies 20–80 mm, liegen aber meist zwischen 40 und 50 mm und spannen dann 80–100 mm.
Die Larven – die eigentlichen "Ameisenlöwen" – sind von plumper Gestalt und aufgrund starker Beborstung und erdfarbener Färbung gut getarnt. Auffällig sind die große, gezähnte und vorn gekrümmte Greifzange sowie der große rundliche Hinterleib.
Typischerweise ist den meisten Menschen weder das Imaginalstadium noch das Larvalstadium dieser Netzflügler vertraut: Während die dämmerungs- & nachtaktiven Imagines entweder gar nicht wahrgenommen oder, wenn sie einmal fliegen, für Kleinlibellen, evtl. auch Eintagsfliegen gehalten werden, verraten die Larven von ca. zehn Prozent der Myrmeleontidae-Arten ihre Anwesenheit durch ihre charakteristischen Fangtrichter, in deren Grund der "Ameisenlöwe" eingebuddelt auf der Lauer liegt. Auch wenn die wenigsten Menschen diesen jemals in natura gesehen haben, so wissen doch einige, wer diese Trichter zu welchem Zweck hergestellt hat:
Zur Lebensweise:
Ein europäischer "Ameisenlöwe" benötigt für seiner holometabole Entwicklung (vollständige Metamorphose: Ei—Larve—Puppe—Imago) ein bis drei Jahre, in der Regel zwei. Er überwintert also als Larve, die sich meist im zweiten Jahr verpuppt. Aus der kugelförmigen, mit Sandkörnchen verkleideten Puppe schlüpft im Frühling oder Frühsommer die Imago: ein zartes geflügeltes Insekt mit geringer Lebenserwartung (< 1 Monat), das mit der Larve keinerlei Ähnlichkeit aufweist und sich von kleinen Arthropoden, aber auch von Pollen ernährt und sich schließlich paart. Seine Eier legt ein Ameissenjungfer-Weibchen an regengeschützten und meist sandigen Orten ab: im Regenschatten von Steilwänden und Hausmauern bzw. Dachtraufen, unter Bäumen, Baumwurzuel und Brücken etc. Dort findet man, wenn die Larven (die "Ameisenlöwen") aus den Eiern geschlüpft sind, bald darauf die bekannten Fangtrichter, die im ersten Jahr noch kleiner sind als später im zweiten.
Die auffällig großen, gezähnten und beborsteten Kiefer eines im Sand lauernden "Ameisenlöwen" funktionieren zunächst nur als "Wurfschaufel", die Sand und andere Partikel wegschleudert und so einen Fangtrichter entstehen läßt, der seine Aufgabe so lange erfüllen kann, wie seine steile Wand trocken und instabil, ihr Material also rieselfähig bleibt. Wenn ein Beutetier – meist eine Ameise, aber auch andere Arthropoden wie Käfer, Asseln, Spinnen, Tausendfüßer etc. – in den Trichter rutscht und versucht zu entkommen, bombardiert der Ameisenlöwe Trichterwand und Beute mit Sand und läßt diese mehrmals abrutschen, bis sie den tiefsten Punkt des Trichters erreicht hat. Jetzt funktionieren die Kiefer als Greifzange, die den Arthropoden ergreift, in den Sand zieht und tötet, indem sie durch einen Kanal im Unterkiefer Gift in die Beute injiziert. Ober- und Unterkiefer bilden einen Saugkanal, durch den die vorverdaute Beute schließlich ausgesaugt wird. Über eine tödliche Greifzange verfügen weltweit auch all jene Arten, die z. B. in der Bodenstreu oder an Felsen auf geeignete Beute warten oder sie aktiv suchen.
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| Trichter eines Ameisenlöwen mit Beute |
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Ameisenlöwen-Puppe · Loosenberge, 21.07.2066 |
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